Sobald sich die ersten Blümchen aus dem Erdreich wagen, wächst unweigerlich die Lust aufs Wandern. Und man beginnt, sich zu überlegen, wohin denn die nächste Bergtour gehen soll. Hier meine Erinnerungen an einen absolut empfehlenswerten Fernwanderweg. Allerdings: den Dolomiti Brenta Trek sollte man nicht zur Hochsaison im August unter die Wanderstiefel nehmen, sondern so bald wie möglich. Dann kann man dem Trubel noch entkommen. Hier könnt Ihr unsere erste Etappe nacherleben:
Ein zackiger Aufstieg gleich am ersten Tag: Angesichts dieser Herausforderung entscheiden wir uns, früh aufzustehen. Schließlich muß ich auch noch den in der Aufbruchs-Eile geschnürten Rucksack irgendwie in eine Ordnung bringen. Und allzu spät sollten wir ja auch nichts los, wer weiß, wie wir mit den 1300 Höhenmetern, die heute auf uns warten, zurecht kommen.
2024 haben wir zwar schon sehr schöne Streckenwanderungen auf Sizilien gemacht, aber aufgrund des miesen Wetters im Außerfern, sind wir noch nicht auf Gebirgstouren trainiert. Unsere einzige Erfahrung war der Nehrenweg von Stanzach zur Stablalm mit gerade mal je 750 Höhenmetern auf und ab. Heute also wartet bergauf fast das Doppelte auf uns!
Da es in unserem schönen Quartier, dem Bed and Breakfast alla Curva von Ella Manzoni, kein Frühstück gibt, machen wir zuerst im Caffé Roma, das Ella uns empfohlen hat, Station. Brioches (wie die Croissants hier im Norden Italiens heißen) müssen zum Start in den Tag einfach sein – zumal wir auf unserer Tour auf dem Dolomiti Brenta Trek wohl kaum welche bekommen dürften.
Und so marschieren wir gut gestärkt durch die morgendlichen Leckereien erstmal hinunter zum Fluss Noce („Warum heißt der eigentlich ,Nuss?“, frage ich mich). Am anderen Ende der Brücke, die uns ein paar Höhenmeter erspart, beginnt dann die Steigung.Wir durchqueren den Flying Park, den größten Klettergarten des Trentino, und steigen dann auf dem Weg 308 durch den Wald in die Höhe.

Auf Weg 308 geht’s in die Höhe.
Der alte Muli-Weg begeistert mich, weil mir dessen Zickzack jetzt im gesetzteren Alter viel angenehmer ist als eine steile Direttissima. „Die Altvorderen haben schon gewusst, wie man am besten nach oben kommt“, denke ich mir. Und gleichzeitig frage ich mich, warum es heutzutage so gut wie keine Mulis mehr gibt. Als ich als kleines Kind mit meinen Eltern in den Alpen gewandert bin, da waren diese Tiere für mich ein buchstäblich alltäglicher Anblick. Und ich habe mich immer gefreut, wenn diese stämmigen Tiere mit den riesigen Säcken auf dem Rücken an mir vorüber gingen. Schon Annika und Benedikt, meine beiden Kinder, dürften so was Ende des 20. Jahrhunderts nicht mehr gesehen haben, und meine Enkel erst recht nicht. Schade! Auch das ist Artenvielfalt, die immer mehr verloren geht.

Auf dem alten Muli-Weg geht es bequem bergauf…
Die Sonne scheint – ein Gefühl, das ich in diesem Sommer 2024 bisher leider viel zu wenig genießen konnte. Und der Wald spendet uns bei diesem Mega-Anstieg wohltuenden Schatten. Nur ab und zu gibt er Blicke auf die Umgebung frei – mal in Richtung Adamello, mal gen Naturpark Stilfser Joch. Wie herrlich diese Gegend hier doch ist!
Wir unterhalten uns rege. Schließlich hat uns Ella, unsere Gastgeberin während der Nacht zuvor, nachdrücklich dazu angehalten. Wir sind hier nämlich mitten im Bärengebiet. Vergangenes Jahr hat diese Gegend Schlagzeilen gemacht, weil ein Jogger von einem Bären angefallen und getötet wurde. Und heuer ging ein Video im Internet viral, das einen Bären zeigte, wie er während der Kirchweih durch die Straßen von Malé spazierte. In eine zwiespältige Situation tauchen wir hier ein: Die einen haben Angst vor den Bären. Und die anderen sprechen (wie auf dem Werbeschild, das wir auf unserem Weg passieren) von einem „Schatz der Biodiversität“.

Vor Bären wird gewarnt…
Wir entscheiden uns, keine Angst zu haben, können uns nicht vorstellen, daß die Bären, die ja scheue Tiere sind, ausgerechnet einen Wanderweg benutzen, auf dem in der Hauptsaison sicher viele Menschen unterwegs sind. Wir allerdings sind heute ganz allein…
Übrigens: Während ich dies im Rifugio Peller (unserem heutigen Quartier) niederschreibe, fällt mein Blick auf die Wand gegenüber: Dort hängt der Abguss eines Fußabdrucks von Bruno, dem legendären Bär, der auch dem Außerfern seine Aufwartung machte, bevor er dann in Bayern im Auftrag des Ministerpräsidenten Stoiber ein ebenso trauriges wie unrühmliches Ende fand. Hier an der Peller-Hütte ist er 1995 durchgezogen…

Brunos Spur im Rifugio Peller…
Doch zurück zum Aufstieg: Am Bivacco Muzol haben wir immerhin schon die 1500-Meter-Marke erreicht, nachdem wir kurz zuvor auf einer herrlichen Frühlingswiese mit Knabenkräutern, die jetzt offensichtlich nicht mehr so genannt werden (dürfen), zur Jause gerastet haben. Die Hälfte unseres leckeren Leinsamen-Vollkornbrotes vom Bäcker Holzmayr in Reutte ist danach schon weg…

Mittagsjause auf der Pra della Selva…

… mit ihren vielen Knabenkräutern.
Die Pause scheint mich etwas aus dem Rhythmus gebracht zu haben. Aber jedes Mal, wenn sich der Wald öffnet, schlägt mein Herz höher. „Das ist meine Landschaft“, rufe ich Christine zu. Diese Blumenpracht bringt mich in jedem Bergfrühling ins Jubeln, und mit zunehmendem Alter erlebe ich dieses Gefühl offenbar noch intensiver. Ja: Das ich das noch erleben darf!

In voller Blüte: der Alpen-Milchlattich…
Das ist nicht nur so dahin gesagt, sondern tatsächlich erlebtes Glück. Es mutet mich wie im Paradies an, als ich diese Wiesen durchwandere, auch der Enzian steht schon in voller Pracht da und blüht so gelb, gelb, gelb (und nicht „blau, blau, blau“, wie einst Heino sang), daß es die helle Freude ist.

Dieser Enzian blüht gelb, nicht blau
Christine wiederum strahlt mit dem Türkenbund um die Wette und kennt als Biologin natürlich viel mehr dieser herrlichen Blumen als ich , der ich immer meine Flora Incognita-App zur Hilfe nehmen muss. Pflanzenbestimmen war in der Schule für mich eins von den langweiligsten Dingen, weil dieses Thema ohne Zusammenhang einfach stur nach Schema „abgearbeitet“ wurde. Heute zählt zu den wenigen Sachen, die ich im Rückblick auf meine „Karriere“ am altehrwürdigen Parler-Gymnasium in Schwäbisch Gmünd bedaure, daß ich es im Bio-Unterricht so habe schleifen lassen und nur das Notwendigste, quasi das „Überlebenswichtige“, getan habe. Eine Vier tat es ja auch, um das Durchfallen und die „Ehrenrunde“ zu vermeiden…
Hätte man damals schon wie heute auch die ökologischen Zusammenhänge erklärt, wäre ich vielleicht begeisterter gewesen. „Wählen Sie Biologie!“, hatte mir mein damaliger Lehrer Messner nach meiner einzigen glanzvollen mündlichen Bio-Prüfung in der 7. (heute 11.) Klasse empfohlen. Ich hab‘s nicht getan, sondern mich für Physik entschieden. Aber was soll‘s??!!! Tempi passati….
Meine Begeisterung über die Almwiesen führt dazu, daß die Zeit wie im Fluge vergeht. Und ich vergesse auch die Mühen des Aufstiegs und die Schwere des Rucksacks.
Nach rund sieben Stunden ist es dann geschafft: Wir stehen vor dem Rifugio Peller und sind fasziniert von dem herrlichen Blick auf den Monte Peller, der mit seinem Steilabbruch von den Trentinern auch „das nördliche Bollwerk der Brenta“ genannt wird. 2319 Meter ist er hoch, aber uns reichen im Moment auch die 2022 Meter, auf der unsere Hütte liegt.

Da ist es schon – unser heutiges Ziel: das Rifugio Peller!

Da muß natürlich ein Selfie sein.
Wir belohnen uns mit einem heißen Tee plus einem Grappa. Manuela Ferri, die Hüttenwirtin, stammt nämlich aus der Nähe von Schio in der Provinz Vicenza, einer der Hochburgen dieses legendären Schnapses.
Wir sind erstaunt, wie wenige hier übernachten wollen. Gerade mal drei Leute warten mit uns auf das Abendessen.
Und das ist wirklich prima: Als ersten Gang eine Zwiebelsuppe mit Kartoffeln, danach „ein Mix aus allem, was nicht zusammenpasst“, wie Christine anmerkt – und dann sogar noch ein köstliches Dessert: Salame di Cioccolato (Schokoladewurst) – eine Süßigkeit aus Schokolade und Keksen.

Und hier unser Abendmenu: Zuerst eine leckere Zwiebelsuppe mit Karotten und Brotwürfeln…

…dann ein deftiger „Mix aus allem, das nicht zusammenpasst“ (Originalton Christine)…

…und zum Schluss eine köstliche „Schokoladenwurst“.
Jetzt sind wir pappsatt. Und freuen uns schon auf unser Bett. Und auf unsere zweite Etappe morgen.
Geschrieben am Freitag, 5. Juli 2024
Entfernung: 11 Kilometer
Höhenunterschied: 1300 Meter Aufstieg
Start: 8.30 Uhr
Ankunft: 15.30 Uhr
(Anmerkung: Unsere Zeiten unterscheiden sich von den im Internet und auf den Wegweisern angegebenen reinen Gehzeiten. Sie sollen darstellen, wie lange etwas ältere Wanderer mit 13-Kilo-Rucksack, die auch gern einmal rasten und die Schönheiten am Wegesrand betrachten oder sich mit anderen unterhalten, de facto – und nicht theoretisch – gebraucht haben).
Und hier die erste Folge meiner Serie über den Dolomiti Brenta Trek:
2 Kommentare
Nobbe · März 22, 2025 um 10:59 am
Es ist immer wieder herzerfrischend zu lesen, wie unser lieber Jürgen Gerrmann seine Reiseberichte an den „Mann“ bringen kann – hätte er allerdings im Bio-Unterricht bei Messing besser aufgepasst wäre ja seine Lebensgefährtin arbeitslos….sie bräuchte ihm dann nicht erklären, was da in Flora und Fauna so alles herumkreucht. Also ist es gut so…
Dolomiti Brenta Trek (29: Rifugio Peller – Bivacco Constanti – Jürgen Gerrmann · März 22, 2025 um 6:21 pm
[…] Dolomiti Brenta Trek (1): Malé – Rifugio Peller […]