Der Winter zieht sich langsa, aber sicher auch aus den Bergen zurück, im Tal erblühen die ersten Frühlingsblumen, und immer kräftiger regt sich die Vorfreude auf die nächste Bergwandersaison. Im Frühsommer 2024 hat die für uns etwas ganz besonders Schönes gebracht: Unsere Tour auf dem Dolomiti Brenta Trek.

Wunderbar haben wir in unserem einfachen Bivacco Constanti am Fuße des Sasso Rosso geschlafen. Ich ahnte da noch nicht, daß die nächste Etappe ganz schön herausfordernd für mich werden würde. Aber lest nur selbst:

„Der dritte Tag ist der schwerste“, sagt man ja gemeinhin, wenn es um eine Fernwanderung geht. Bei mir hat sich das diesmal wieder einmal voll bestätigt. Oder besser gesagt: Auf der ersten Hälfte dieses dritten Tages…

Heute steht uns eine lange Etappe auf unserem Dolomiti Brenta Trek bevor. Deswegen stehen wir nach einer prima Nacht in unserem Bivacco Constanti früh auf und machen uns tatsächlich bereits um 7.15 Uhr auf den Weg. Für uns absolut ungewöhnlich.

Das erste Mal muß ich hier ein dickes Minus für diese Fernwanderung anbringen: Weder findet sich der Aufkleber des Dolomiti Brenta Trek auf den Wanderschildern in der Nähe des Bivacco noch wird irgendwo auf die Zwischenziele, auf die bei der Beschreibung im Internet  hingewiesen wird, dort erwähnt. Nach Studium der Karte auf Alpenvereinaktiv entscheiden wir uns, den Weg, der (wenn wir das Bivacco im Rücken haben und hinauf zum Sasso Rosso blicken) nach rechts verläuft, zu wählen. Und das erweist sich als richtig.

Allerdings hätte ich nicht gedacht, daß wir erst noch ein Stück nach oben steigen müssen. Die mächtige Cima Benon mit ihrem spitzen Gipfel auf 2687 Metern schlägt mich in ihren Bann, aber dort hinaufsteigen wollte ich dann jetzt doch nicht. Aber vielleicht wäre ich dann ja fitter gewesen für den steilen Abstieg über Geröll, der uns jetzt bevorsteht.

Imposanter Morgen-Anblick: die Cima Benon hoch überm Bivacco Constanti.

Wir sind mit leerem Magen vom Biwak aufgebrochen und entscheiden uns daher, bevor es so richtig wild wird, noch zu „frühstücken“. Für mich bleibt es ein eher karges Mahl mit einer halben Semmel und ein paar Scheiben Speck. Der große Frühstücker bin ich ja eh nicht, und ich möchte auch nicht mit vollem Magen nach unten steigen.

Dachte ich mir. Aber diese Einstellung sollte sich letztlich als ziemlicher Blödsinn entpuppen. In dem Geröll bin ich mit leerem Magen nämlich ziemlich wacklig zugange, und dass bröckelige Gestein unter meinen Füßen will einfach kein Ende nehmen. Innere Stoßgebete wechseln sich mit einem Hauch von Flüchen ab, und der Blick aufs Höhenprofil auf Alpenvereinaktiv läßt mich rätseln, wie ich denn nach 1360 Metern Brutalabstieg noch 1400 Höhenmeter bergauf schaffen soll. Wie sich später indes herausstellen sollte, handelte sich bei diesem Angaben wohl um einen KI-Irrtum zu meinen Gunsten. Gleichwohl nutzte mir das im Moment nichts…

Schroffe Felswände säumen den Abstieg durchs Valle del Vento.

An der herrlichen Landschaft im Valle del Vento („Tal des Windes“) ändert meine miese Laune Gottseidank nichts, und an der im Vorjahr gefaßten „Quelle der Tataren“ (Acqua dei Tatari) auf 1814 Metern macht sich dann doch wieder eine bessere Stimmung in mir breit. Das kühle Wasser sauge ich gierig in mir auf, es scheint mich mit neuer Kraft zu erfüllen. Doch wir müssen ja immer noch 300 Meter nach unten. Immerhin habe ich jetzt wieder festen Boden statt bröckligem Gestein unter meinen Füßen, doch zum ersten Mal auf dieser Tour kommen mir die 13 Kilo auf meinem Buckel schwer vor.

Daa Acqua dei Tartari („Wasser der Tataren“)weckt die Lebensfreude wieder.

Den Forstweg, der am Ende des steilen Abstiegs auf uns wartet, begrüße ich wie einen Heilsbringer. Endlich können meine Knie wieder „durchschnaufen“, endlich wechselt die Belastung: Der Rucksack drückt nicht mehr und schiebt mich nach unten, beim Bergaufgehen werden nun meine Schultern etwas entlastet.

Und jetzt werden meine gestressten Sinne wieder etwas aufnahmefähiger – und mir fällt auf, daß Alpenvereinaktiv uns einen aus meiner Sicht völlig unsinnigen Weg über den Passo Groste auf 2550 Meter schicken will. Der Dolomiti Brenta Trek verläuft indes völlig anders – und über diese Variante sparen wir uns rund 300 Höhenmeter. Super!

Diese Erkenntnis steigert meine Stimmung vom einen Moment auf den anderen: Also die 700 Höhenmeter ab hier werde ich doch wohl trotz meines Formtiefs noch packen! Und mich überfällt geradezu Euphorie, als ich feststelle, daß auf unserer Route mit der Malga Mondifra auch noch ein Agriturismo liegt, wo man vor den letzten zwei Dritteln des Aufstiegs sich nochmal stärken kann.

Ein Geschenk des Himmels – der Agriturismo Mondifra!

Allen, die es uns nachtun wollen, sei dringend empfohlen: Hier auf keinen Fall vorbei gehen! Zunächst ärgere ich mich etwas darüber, dass man nur ein Menu essen kann und muß und man sich dies auch nicht unter uns zu teilen vermag. 29 Euro Euro pro Person kostet das. Zähneknirschend stimmen wir zu. Aber dieses Zähneknirschen verwandelt sich binnen kürzestem in ein Zungenschnalzen: einfach ein Gedicht ist dieses Mittagessen! Und wir freuen uns, nicht teilen zu müssen…

Zunächst gibt es eine große Platte mit Trentiner Spezialitäten: leckerer Schinken, eine würzige Salami, köstlicher Käse aus der eigenen Produktion. Danach eine Polenta: mit Schinken und Ei für Christine, mit Pilzen für mich. Einfach köstlich! Endlich mal wieder was Warmes im Bauch! Das schmeckt einfach toll! Und zwar so toll, daß wir gleich noch eine große Portion Käse und zwei Mega-Würste mitnehmen. Denn unser Proviant neigt sich eh dem Ende zu, und wir können „Nachschub“ brauchen. Und die Zeche danach ist dann mit 70 Euro für Menu, allen Getränken und Wegzehrung doch überraschend moderat.

Schon die Vorspeise mit Trentiner Spezialitäten ist ein Gedicht…

… und die leckere Polenta als Hauptspeise setzt dem traumhaften Mittagessen die Krone auf.

Auf jeden Fall. Das Essen entpuppt sich als wahrer Kraft-Booster für mich: Der Aufstieg über die (noch leere) Alpe Vagnianella und die Alpe Vagliana durch das Val Gelada („Tal des Eises“) fällt mir plötzlich kinderleicht, zumal sich auch die Murmeltiere offensichtlich freuen, ihren altem Kumpel wieder begrüßen zu können. Und die Blumenpracht läßt einem ja eh das Herz aufgehen.

Über die Alpe Vagnianella…

… geht es zur Alpe Vagliana…

… und auf romantischen Wegen hoch zum Rifugio.

Daher stimmen zum ersten Mal während dieser Tour die an der Malga Mondifra angegebene Gehzeit und unsere Geschwindigkeit tatsächlich überein! Für den Abstieg hätten wir fünf(!) statt der angegebenen zweieinhalb Stunden gebraucht, nun kommen wir wie geplant in 2 Stunden und 40 Minuten oben am Rifugio Graffer an.

Zeltaufbau vor dem Rifugio Graffer.

Die Graffer-Hütte ist nach einem italienischen Kampfflieger-Ass benannt, der im Zweiten Weltkrieg unter anderem einen britischen Bomber rammte (und ihn zum Absturz brachte), bevor er sich selber mit dem Fallschirm in Sicherheit brachte (über Albanien sollte ihn später dennoch der Tod ereilen). Doch darüber hinaus war Giorgio Graffer auch einer der besten Bergsteiger seiner Zeit…

Nach dem opulenten Mittagsmahl sind wir jetzt so voll, daß wir uns am Abend in der Hütte auf eine fantastische Zuppa rustica (Zwiebeln, Kartoffeln und Pilze) beschränken.

Die Zuppa rustica schmeckt wunderbar.

Als wir danach in unserer Zelt kriechen (das Rifugio zählt zu denen, bei denen man mit Hund nicht unterkommt), hat sch der Himmel nochmal aufgetan – und so sagen uns die Brenta auf der einen und der Adamello auf der anderen Seite gute Nacht, bevor dann ein paar Stunden später ein gewaltiger Regen auf uns niederprasselt und ein Sturm an unserem Zelt rüttelt…

Die Brenta sagt uns gute Nacht.

Gegangen am 7. Juli 2024

Geschrieben am 9. Juli 2024

Länge: 14,5 Kilometer

Höhenunterschiede: 788 Meter auf/890 Meter ab

Start: 7.15 Uhr

Ankunft: 18 Uhr 

(Anmerkung: Unsere Zeiten unterscheiden sich von den im Internet und auf den Wegweisern angegebenen reinen Gehzeiten. Sie sollen darstellen, wie lange etwas ältere Wanderer mit 13-Kilo-Rucksack, die auch gern einmal rasten und die Schönheiten am Wegesrand betrachten  oder sich mit anderen unterhalten, de facto – und nicht theoretisch – gebraucht haben).

Und hier die ersten beiden Folgen meiner Serie über den Dolomiti Brenta Trek:

Dolomiti Brenta Trek (2): Rifugio Peller – Bivacco Constanti

 

 


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